Was sagt der Islam über Behinderung?
Frage 1256
Frage
Wie sieht der Islam Menschen mit körperlichen, Sinnes-, geistigen oder psychischen Behinderungen, und was verlangt er von ihnen und von der Gemeinschaft?
Zusammenfassung der Antwort
Menschen mit Behinderung haben im Islam volle Würde, und eine Behinderung ist kein Zeichen von Allahs Missfallen. Der Koran tadelte den Propheten ﷺ dafür, dass er sich von einem Blinden abwandte (80:1–10), und dieser Mann, Ibn Umm Maktūm, wurde Muezzin und zweimal als Statthalter über Medina eingesetzt. Allah schaut auf Herzen und Taten, verlangt von keiner Seele mehr, als sie vermag (2:286), und die Scharia passt jede gottesdienstliche Handlung den Fähigkeiten jedes Menschen an.
﴿لَا يُكَلِّفُ ٱللَّهُ نَفۡسًا إِلَّا وُسۡعَهَا﴾
Allah erlegt keiner Seele mehr auf, als sie zu tragen vermag.
Antwort
الحمد لله Alles Lob gebührt Allah.

Viele Menschen mit Behinderung und viele Eltern behinderter Kinder haben von wohlmeinenden Muslimen gehört, eine Behinderung sei eine Prüfung, eine Strafe oder ein Zeichen schwachen Glaubens. Koran und Sunna sprechen ganz anders. Menschen mit Behinderung haben im Islam volle Würde, sie sind gleichberechtigte Glieder der Gemeinschaft, und Allah verlangt von jeder Seele nur, was sie tragen kann. Der Koran selbst tadelte den Propheten ﷺ dafür, dass er sich von einem Blinden abwandte, und dieser Mann rief später den Adhan und regierte Medina.
Was sagt der Koran über Behinderung?
Eine der eindrücklichsten Stellen des Korans betrifft einen blinden Gefährten, ʿAbd Allāh ibn Umm Maktūm. Er kam zum Propheten ﷺ, um zu lernen, während dieser mit führenden Männern der Quraisch sprach, und der Prophet runzelte die Stirn. Da offenbarte Allah:
عَبَسَ وَتَوَلَّىٰٓ ﴿١﴾ أَن جَآءَهُ ٱلۡأَعۡمَىٰ ﴿٢﴾ وَمَا يُدۡرِيكَ لَعَلَّهُۥ يَزَّكَّىٰٓ ﴿٣﴾ أَوۡ يَذَّكَّرُ فَتَنفَعَهُ ٱلذِّكۡرَىٰٓ ﴿٤﴾
„Er runzelte die Stirn und wandte sich ab, weil der Blinde zu ihm kam. Woher willst du wissen? Vielleicht würde er sich läutern oder sich ermahnen lassen, und die Ermahnung würde ihm nützen.“
Die sunnitischen Kommentatoren lesen diese Verse als Tadel an den Propheten ﷺ selbst, und schiitische Gelehrte halten fest, dass sie einen anderen beschreiben. Nach beiden Lesarten stellt der Koran einen blinden Wissenssuchenden über die Mächtigen und macht es zu einem Fehler, sich von ihm abzuwenden.
Der Koran nimmt auch jedes Stigma vom gemeinsamen Tisch und vom Haus:
لَّيۡسَ عَلَى ٱلۡأَعۡمَىٰ حَرَجٞ وَلَا عَلَى ٱلۡأَعۡرَجِ حَرَجٞ وَلَا عَلَى ٱلۡمَرِيضِ حَرَجٞ
„Den Blinden trifft kein Vorwurf, den Lahmen trifft kein Vorwurf, und den Kranken trifft kein Vorwurf.“
Der Vers spricht danach davon, in den Häusern der anderen gemeinsam zu essen. Die allgemeine Regel steht in einem anderen Vers: „Allah erlegt keiner Seele mehr auf, als sie zu tragen vermag“ (Koran 2:286).
Ist eine Behinderung eine Strafe Allahs?
Nein. Der Wert eines Menschen vor Allah bemisst sich am Herzen:
«إِنَّ اللَّهَ لاَ يَنْظُرُ إِلَى صُوَرِكُمْ وَأَمْوَالِكُمْ وَلَكِنْ يَنْظُرُ إِلَى قُلُوبِكُمْ وَأَعْمَالِكُمْ»
„Allah schaut nicht auf euer Aussehen und euer Vermögen. Er schaut auf eure Herzen und eure Taten.“
Die Propheten kannten körperliche Not. Jakob (Friede sei mit ihm) trauerte um Josef, bis „seine Augen vor Kummer weiß wurden“ (12:84), und Hiob ertrug lange schwere Prüfung. Der Prophet ﷺ überbrachte eine Zusage Allahs an jeden, der sein Augenlicht verliert: „Wenn Ich Meinen Diener an seinen beiden geliebten Dingen prüfe, seinen Augen, und er geduldig ist, gebe Ich ihm dafür das Paradies“ (Sahih al-Bukhari 5653). Der Hadith spricht von Lohn und von Nähe zu Allah. Niemandem gibt er das Recht, den Körper eines anderen Menschen als Strafgericht zu deuten.
Wie bezog der Prophet ﷺ Menschen mit Behinderung ein?
Ibn Umm Maktūm wurde neben Bilāl einer der beiden Muezzine Medinas. Weil er die Morgendämmerung nicht sehen konnte, sagten ihm die Leute „Es ist Morgen, es ist Morgen“, und dann rief er den Adhan (Sahih al-Bukhari 617). Die Gemeinschaft stellte sich auf ihn ein, und er diente ihr. Der Prophet ﷺ setzte ihn zweimal während seiner Abwesenheit als Statthalter über Medina ein (Sunan Abi Dawud 2931, von al-Albani als sahih eingestuft) und bestimmte ihn, obwohl er blind war, zum Vorbeter der Leute (Sunan Abi Dawud 595). Als ein Vers diejenigen lobte, die zur Verteidigung der Gemeinschaft ausziehen, fragte er nach denen, die das nicht können, und Allah offenbarte eine Ausnahme für „die mit einer Beeinträchtigung“ (4:95; Sahih al-Bukhari 4592). Später trug er in der Schlacht von al-Qādisiyya im Jahr 636 das Banner.
Wie passt sich das islamische Recht an Behinderung an?
- Gebet nach Vermögen. „Bete im Stehen; wenn du es nicht kannst, dann im Sitzen; und wenn du es nicht kannst, dann auf der Seite liegend“ (Sahih al-Bukhari 1117). Stühle in der Moschee entsprechen dem Geist der Sunna. Siehe auch Darf man Gebete zusammenlegen?
- Reinigung nach Vermögen. Wer kein Wasser benutzen kann, nimmt Tayammum vor, denn „Allah will euch keine Bedrängnis auferlegen“ (5:6).
- Verantwortung nach Verständnis. Der Prophet ﷺ sagte, dass die Feder erhoben ist von „dem, dessen Verstand überwältigt ist, bis er wieder zu sich kommt“ (Sunan Abi Dawud 4401, von al-Albani als sahih eingestuft). Als ʿUmar im Begriff war, eine Frau mit einer geistigen Behinderung zu bestrafen, erinnerte ʿAlī ihn an diesen Hadith, und ʿUmar ließ sie gehen.
- Verständigung in jeder Form. Als Zacharias drei Tage lang nicht sprechen konnte, verständigte er sich mit den Leuten, so sagt der Koran, „durch Zeichen“ (إِلَّا رَمۡزٗا, Koran 3:41). Gebärdensprache, Schrift und Hilfsmittel sind ehrenwerte Arten zu sprechen.
Welche muslimischen Gelehrten lebten mit einer Behinderung?
ʿAṭāʾ ibn Abī Rabāḥ (gest. um 733), der Mufti von Mekka, hinkte, kam mit nur einem gesunden Auge zur Welt, erblindete später ganz und verlor in einer Schlacht eine Hand, und doch lehrte er bis ins hohe Alter in der Großen Moschee von Mekka. Qatāda ibn Diʿāma (gest. 735) aus Basra, ein Meister der Koranauslegung, war blind und lehrte aus dem Gedächtnis. Im zwanzigsten Jahrhundert studierte Taha Hussein, der seit früher Kindheit blind war, an der al-Azhar und an der Sorbonne und wurde 1950 Bildungsminister Ägyptens.
Muslimische Gesellschaften verankerten die Fürsorge in ihren Einrichtungen. Der umayyadische Kalif al-Walid I. bezahlte Diener, die Menschen mit Behinderung in Syrien halfen, und das Mansuri-Krankenhaus, das Sultan Qalawun in Kairo gründete und das 1284 fertiggestellt wurde, behandelte psychische Erkrankungen kostenlos, unter anderem mit Musik als Therapie (Unterstützt der Islam eine Gesundheitsversorgung für alle?). Psychische Erkrankungen verdienen dasselbe Mitgefühl und dieselbe Fürsorge wie jede andere Erkrankung (Ist Depression ein Zeichen von schwachem Iman?; Dürfen Muslime eine Therapie machen?).
Moscheen setzen diese Arbeit heute fort, mit Rampen, Gebärdendolmetschern, reizarmen Räumen für autistische Betende und Leitungsaufgaben für Muslime mit Behinderung, als Teil der größeren Aufgabe, offene Moscheen für alle zu schaffen (Gibt es offene Moscheen für alle?).
Das Gebet Hiobs
Als Hiob (Friede sei mit ihm) in seiner langen Prüfung rief, klagte er nicht gegen seinen Herrn, er wandte sich allein an Seine Barmherzigkeit:
أَنِّي مَسَّنِيَ ٱلضُّرُّ وَأَنتَ أَرۡحَمُ ٱلرَّـٰحِمِينَ
„Mich hat Not getroffen, und Du bist der Barmherzigste aller Barmherzigen.“
Möge Allah jedem Menschen, der eine Last an Körper oder Seele trägt, mit Seiner Barmherzigkeit antworten, und möge Er unsere Gemeinden zu Orten machen, an denen jeder dazugehört.
Und Allah weiß es am besten. والله أعلم
Häufige Fragen
Ist eine Behinderung eine Strafe Allahs?
Nein. Selbst Propheten kannten Krankheit und Verlust: Jakob verlor vor Kummer sein Augenlicht, und Hiob litt lange unter schwerer Prüfung. Allah beurteilt die Menschen nach ihren Herzen und Taten, und denen, die eine Last mit Geduld tragen, verspricht Er großen Lohn.
Wie betet ein Mensch mit Behinderung?
So, wie er es vermag. Der Prophet ﷺ sagte: „Bete im Stehen; wenn du es nicht kannst, dann im Sitzen; und wenn du es nicht kannst, dann auf der Seite liegend.“ Wer kein Wasser benutzen kann, nimmt Tayammum vor, und jede Bewegung darf angepasst werden.
Sind Menschen mit geistiger Behinderung für religiöse Pflichten verantwortlich?
Jeder Mensch ist nur im Maß seines Verständnisses verantwortlich. Der Prophet ﷺ sagte, dass die Feder von dem erhoben ist, dessen Verstand überwältigt ist, und ʿUmar ließ eine Frau mit einer geistigen Behinderung straffrei, als ʿAlī ihn daran erinnerte.
Wie sehen Schiiten die Sure ʿAbasa?
Schiitische Gelehrte weisen den Bericht zurück, dass der Prophet ﷺ die Stirn runzelte, und halten fest, dass die Verse einen anderen beschreiben. Beide Lesarten stimmen darin überein, dass die Verse den Blinden ehren und das Abwenden von ihm tadeln.
Verwandte Fragen
Quellen
Bild: Marsupium, The complex of Sultan Qalawun, Cairo, 2024. CC BY 4.0, via Wikimedia Commons.. Bildnachweise