Ist Depression ein Zeichen von schwachem Iman?

Frage 1081

Frage

Wenn ein Muslim an Depression leidet, bedeutet das, dass sein Glaube (Iman) schwach ist, und sollte er sich allein auf das Gebet verlassen?

Zusammenfassung der Antwort

Depression ist eine Krankheit, die auch die gläubigsten Herzen treffen kann. Jakob trauerte, bis seine Augen weiß wurden, der Prophet ﷺ durchlebte ein Jahr der Trauer, und im neunten Jahrhundert beschrieb Abu Zayd al-Balkhi die Depression als Krankheit der Seele mit eigener Behandlung. Der Prophet ﷺ gebot den Gläubigen, sich behandeln zu lassen, und so stehen Therapie und Medikamente als Mittel, die Allah bereitstellt, neben dem Gebet.

Antwort

الحمد لله Alles Lob gebührt Allah.

Sunlight through stained-glass windows throws pools of red, blue, green, and violet across the carpets between the carved columns of a dim prayer hall.

Wenn Sie daran denken, sich das Leben zu nehmen, rufen Sie bitte die TelefonSeelsorge an: rund um die Uhr, kostenlos und anonym unter 0800 111 0 111 oder 0800 111 0 222. Im Notfall wählen Sie die 112. Das Muslimische SeelsorgeTelefon (MuTeS) ist für Muslime Tag und Nacht unter 030 443 509 821 erreichbar.

Viele Muslime, die mit einer Depression leben, haben gehört, sie müssten nur mehr beten, oder ihre Traurigkeit beweise, dass ihr Iman schwach sei. Koran und Sunna antworten anders. Depression ist eine Krankheit, und sie kann auch die gläubigsten Herzen treffen. Die Propheten selbst kannten Trauer, die sie tief niederbeugte, und der Prophet ﷺ gebot seiner Gemeinschaft, jede Krankheit behandeln zu lassen. Gebet und Medizin, Bittgebet und Therapie wirken zusammen.

Ist Depression ein Zeichen von schwachem Iman?

Der Koran erzählt die Geschichte eines Propheten in tiefer Trauer. Als Jakob (Friede sei mit ihm) seinen Sohn Josef und dann einen zweiten Sohn verlor, wandte er sich von seiner Familie ab, und „seine Augen wurden weiß vor Kummer“ (Koran 12:84). Seine Söhne warnten ihn, die Trauer werde ihn aufzehren. Er antwortete:

إِنَّمَآ أَشۡكُواْ بَثِّي وَحُزۡنِيٓ إِلَى ٱللَّهِ

„Ich klage meinen Kummer und meine Trauer allein Allah.“

Koran 12:86

Ein Prophet Allahs trug jahrelang Kummer, und der Koran ehrt ihn als einen Mann der Geduld und des Wissens. Hiob (Friede sei mit ihm) rief: „Mich hat Unheil getroffen, und Du bist der Barmherzigste der Barmherzigen“ (21:83).

Der Prophet ﷺ durchlebte eine Zeit, die die Biographen das Jahr der Trauer nennen (ʿĀm al-Ḥuzn, عام الحزن): Um 619 starben kurz nacheinander seine Frau Khadija und sein Onkel Abu Talib. Als sein kleiner Sohn Ibrahim im Sterben lag, flossen ihm die Augen über, und er sagte: „Das Auge weint, und das Herz trauert“ (Sahih al-Bukhari 1303). Trauer und Schwermut gehörten zum Leben des Besten der Schöpfung.

Er lehrte auch, dass das Leiden des Herzens bei Allah zählt:

«مَا يُصِيبُ الْمُسْلِمَ مِنْ نَصَبٍ وَلاَ وَصَبٍ وَلاَ هَمٍّ وَلاَ حُزْنٍ وَلاَ أَذًى وَلاَ غَمٍّ حَتَّى الشَّوْكَةِ يُشَاكُهَا، إِلاَّ كَفَّرَ اللَّهُ بِهَا مِنْ خَطَايَاهُ»

„Keine Erschöpfung, keine Krankheit, keine Sorge, kein Kummer, kein Leid und keine Bedrängnis trifft einen Muslim, nicht einmal ein Dorn, der ihn sticht, ohne dass Allah ihm dadurch einen Teil seiner Verfehlungen tilgt.“

Sahih al-Bukhari 5641

Sorge (hamm) und Bedrängnis (ghamm) stehen in dieser Aufzählung neben der Krankheit, als Dinge, die einem Gläubigen widerfahren. Der Hadith behandelt sie als Prüfungen, die Allah sieht und belohnt. Über den Glauben dessen, der sie erleidet, sagen sie nichts Nachteiliges.

Was sagten die klassischen muslimischen Gelehrten über Depression?

Muslimische Ärzte schrieben vor mehr als tausend Jahren über psychische Krankheiten. Abu Zayd al-Balkhi (gest. 934), ein Schüler des Philosophen al-Kindi, verfasste Maṣāliḥ al-Abdān wa-l-Anfus (Das Wohl der Körper und der Seelen). Er lehrte, dass Körper und Seele miteinander verwoben sind, sodass die Krankheit des einen den anderen beeinträchtigt. Er unterschied die gewöhnliche Traurigkeit nach einem Verlust, die Depression, die durch äußere Ereignisse ausgelöst wird, und eine Depression, die ohne äußeren Anlass entsteht, und er beschrieb Behandlungen der Seele: freundliche und vernünftige Gespräche sowie die Übung, angstvolle und verzweifelte Gedanken zu verändern. Der Psychologe Malik Badri, der das Werk übersetzte, verglich es mit der modernen kognitiven Therapie.

Die großen Krankenhäuser (bīmāristāns) der muslimischen Welt gaben diesem Wissen ein Zuhause. Das Krankenhaus im Komplex Sultan Bayezids II. in Edirne, 1488 vollendet, wurde für die Behandlung psychischer Erkrankungen bekannt, und seine Ärzte setzten Musik und das Rauschen fließenden Wassers als Teil der Pflege ein. In diesen Einrichtungen war psychische Krankheit eine Sache für Ärzte und Mitgefühl, und niemand behandelte sie als Urteil über den Glauben eines Menschen.

Sollte ein Muslim mit Depression zum Arzt oder Therapeuten gehen?

Ja. Sich behandeln zu lassen gehört zur Sunna:

«تَدَاوَوْا فَإِنَّ اللَّهَ عَزَّ وَجَلَّ لَمْ يَضَعْ دَاءً إِلاَّ وَضَعَ لَهُ دَوَاءً»

„Lasst euch behandeln, denn Allah, der Mächtige und Erhabene, hat keine Krankheit gesetzt, ohne ihr auch ein Heilmittel zu setzen.“

Sunan Abi Dawud 3855, von al-Albani als sahih eingestuft

Als ein Mann fragte, ob er sein Kamel anbinden oder es frei lassen und auf Allah vertrauen solle, sagte ihm der Prophet ﷺ: „Binde es an, und vertraue“ (Jamiʿ al-Tirmidhi 2517, als hasan eingestuft). Zum Arzt zu gehen, Medikamente zu nehmen und eine Therapie zu machen, das ist das Anbinden des Kamels. Das Gottvertrauen (tawakkul) begleitet Sie in die Praxis. Mehr dazu in Dürfen Muslime zum Therapeuten gehen?

Viele Muslime suchen eine Beratung, die ihren Glauben versteht. In Deutschland ist das Muslimische SeelsorgeTelefon (MuTeS) Tag und Nacht unter 030 443 509 821 erreichbar. Naseeha bietet in Nordamerika ein vertrauliches Hilfetelefon, und die Muslim Youth Helpline (0808 808 2008) unterstützt junge Muslime in Großbritannien. Die Sorge der Scharia für die Kranken ist zudem Sache der ganzen Gemeinschaft, wie Unterstützt der Islam eine Gesundheitsversorgung für alle? erklärt.

Was, wenn mir die Depression das Beten schwer macht?

Allah hat den Kranken die Religion leicht gemacht. Einem Gefährten, der Schmerzen litt, wurde gesagt: „Bete im Stehen; wenn du es nicht kannst, dann im Sitzen; wenn du es nicht kannst, dann auf der Seite liegend“ (Sahih al-Bukhari 1117). Der Koran befreit die Kranken vom Fasten, bis sie genesen sind (2:185). Wenn Ihnen das Gebet durch die Depression unmöglich erscheint, beginnen Sie mit dem, was Sie können: ein Gebet, ein paar Worte des Gedenkens, ein einziges Bittgebet in Ihrer eigenen Sprache. Allah nimmt jedes davon an. Siehe Was, wenn ich Gebete verpasse oder mir das Beten schwerfällt?

Wie können Familie und Freunde helfen?

  • Zuhören, bevor man rät. Einem depressiven Menschen zu sagen, er solle mehr beten, kann seine Scham vertiefen. Fragen Sie, wie es ihm geht, und bleiben Sie, um die Antwort zu hören.
  • Besuchen und nahe bleiben. In einem Hadith Qudsi sagt Allah am Tag des Gerichts: „Ich war krank, und du hast Mich nicht besucht“, und erklärt, dass man Ihn bei Seinem kranken Diener gefunden hätte (Sahih Muslim 2569).
  • Den Weg zur Behandlung ebnen. Bieten Sie an, einen Arzt zu suchen, einen Termin zu vereinbaren oder hinzufahren.
  • Warnzeichen ernst nehmen. Wenn jemand davon spricht, sich das Leben zu nehmen, bleiben Sie bei ihm und holen Sie Hilfe. Was passiert mit einem Muslim, der sich das Leben nimmt? wendet sich an Familien, die einen Menschen verloren haben.

Ein Bittgebet für die Dunkelheit

Als der Prophet Jona (Friede sei mit ihm) im Bauch des Wals war, in Finsternis über Finsternis, rief er zu seinem Herrn:

لَّآ إِلَٰهَ إِلَّآ أَنتَ سُبۡحَٰنَكَ إِنِّي كُنتُ مِنَ ٱلظَّـٰلِمِينَ فَٱسۡتَجَبۡنَا لَهُۥ وَنَجَّيۡنَٰهُ مِنَ ٱلۡغَمِّۚ وَكَذَٰلِكَ نُـۨجِي ٱلۡمُؤۡمِنِينَ

„Es gibt keinen Gott außer Dir, gepriesen seist Du; ich gehörte zu denen, die Unrecht tun. Da erhörten Wir ihn und erretteten ihn aus der Bedrängnis; und so erretten Wir die Gläubigen.“

Koran 21:87-88

Das Wort für seine Bedrängnis ist ghamm, dasselbe Wort, das der Prophet ﷺ für die Schwermut des Herzens gebrauchte, die Allah sieht und belohnt. Möge Allah jedes Herz aufrichten, das zu sinken droht, und ihm Heilung senden durch jedes Mittel, das Er geschaffen hat.

Und Allah weiß es am besten. والله أعلم

Häufige Fragen

Ist Depression haram?

Eine Krankheit ist keine Sünde. Der Prophet ﷺ lehrte, dass jede Sorge und jeder Kummer, der einen Gläubigen trifft, einen Teil seiner Sünden tilgt (Sahih al-Bukhari 5641). Was der Islam verlangt, ist, dass Sie Hilfe suchen und sich weiter Allah zuwenden.

Sind Antidepressiva im Islam erlaubt?

Ja. Der Prophet ﷺ sagte: „Lasst euch behandeln, ihr Diener Allahs“ (Sunan Abi Dawud 3855). Medikamente, die eine qualifizierte Ärztin oder ein qualifizierter Arzt verschreibt, gehören zu den Mitteln, die Allah zur Heilung geschaffen hat.

Ist Angst ein Zeichen von schwachem Iman?

Der Prophet ﷺ selbst suchte in seinem täglichen Bittgebet Zuflucht vor Sorge und Kummer (Sahih al-Bukhari 6369). Angststörungen sind behandelbare Erkrankungen, und sich behandeln zu lassen ist ein Akt des Gottvertrauens.

Welches Bittgebet kann ich bei Depression sprechen?

Der Prophet ﷺ betete: „O Allah, ich suche Zuflucht bei Dir vor Sorge und Kummer“ (Sahih al-Bukhari 6369). Das Gebet Jonas aus dem Bauch des Wals endet mit Allahs Verheißung: „Und so erretten Wir die Gläubigen“ (21:88).

Verwandte Fragen

Quellen

  1. Abu Zayd al-Balkhi, Maṣāliḥ al-Abdān wa-l-Anfus, ins Englische übersetzt von Malik Badri als Abu Zayd al-Balkhi's Sustenance of the Soul
  2. Sahih al-Bukhari 1303, 5641, 5678, 6369
  3. Sunan Abi Dawud 3855 („Lasst euch behandeln“)
  4. Naseeha Mental Health Helpline
  5. Muslim Youth Helpline (Großbritannien)

Bild: Ayyoubsabawiki, Morning light in the Nasir al-Mulk Mosque, Shiraz, 2015. CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons.. Bildnachweise