Ist Feminismus mit dem Islam vereinbar?
Frage 1056
Frage
Kann man als Muslimin oder Muslim Feministin oder Feminist sein, und unterstützt der Islam die volle Gleichberechtigung von Frauen und Männern?
Zusammenfassung der Antwort
Feminismus, verstanden als gleiche Würde, gleiche Rechte und gleicher sittlicher Wert von Frauen und Männern, gehört zum Islam. Der Koran hat beide aus einer Seele erschaffen und ihnen denselben Lohn verheißen (16:97, 33:35). Khadija führte ihren eigenen Handel, Aisha lehrte und berichtigte angesehene Gefährten, und muslimische Gelehrte von Fatima Mernissi bis Amina Wadud sowie die Bewegung Musawah haben aus der Gerechtigkeit des Korans geschöpft, um das muslimische Familienrecht zu erneuern.
Antwort
الحمد لله Alles Lob gebührt Allah.

Man kann von ganzem Herzen muslimisch und feministisch zugleich sein. Wenn Feminismus bedeutet, dass Frauen und Männer die gleiche Würde, die gleichen Rechte und den gleichen sittlichen Wert haben, dann steht er auf dem Grund, den der Koran gelegt hat: Beide Geschlechter wurden aus einer einzigen Seele erschaffen, beide tragen das anvertraute Gut des Glaubens, und beide werden mit demselben Maß gerichtet. Die zutreffende Ansicht lautet, dass die Gleichberechtigung von Frauen und Männern zum Islam gehört und dass der Einsatz für Gerechtigkeit gegenüber Frauen selbst ein Gottesdienst (ʿibāda) ist.
Was sagt der Koran über Frauen und Männer?
Der Koran verheißt jedem Gläubigen, der Gutes tut, dasselbe Leben und denselben Lohn:
مَنۡ عَمِلَ صَٰلِحٗا مِّن ذَكَرٍ أَوۡ أُنثَىٰ وَهُوَ مُؤۡمِنٞ فَلَنُحۡيِيَنَّهُۥ حَيَوٰةٗ طَيِّبَةٗۖ وَلَنَجۡزِيَنَّهُمۡ أَجۡرَهُم بِأَحۡسَنِ مَا كَانُواْ يَعۡمَلُونَ
„Wer Gutes tut, ob Mann oder Frau, und dabei gläubig ist, dem schenken Wir ein gutes Leben, und Wir werden ihnen ihren Lohn nach dem Besten ihrer Taten geben.“
An anderer Stelle nennt er Frauen neben Männern in zehn Paaren von Tugenden (33:35), bezeichnet gläubige Männer und Frauen als Beschützer und Freunde füreinander (9:71) und spricht jedem Geschlecht das Eigentum an dem zu, was es erwirbt (4:32). Als Ganzes gelesen, spricht das Buch Frauen als vollgültige sittliche Personen an, wie die Antwort Was sagt der Koran über Frauen? zeigt.
Gab es zur Zeit des Propheten ﷺ Frauen, die ihre Rechte einforderten?
Die erste muslimische Gemeinde war voll von ihnen. Khadija (möge Allah Wohlgefallen an ihr haben), eine Kauffrau aus Mekka, stellte den jungen Muhammad ﷺ in ihrem Handel an, machte ihm selbst einen Heiratsantrag und war der erste Mensch, der an seine Botschaft glaubte (Wer war Khadija?auf Englisch). Umm Salama fragte, warum Allah die Frauen bei der Auswanderung nicht erwähne, und als Antwort wurde ein Vers offenbart (3:195). Umm ʿUmāra, Nusayba bint Kaʿb, beklagte, dass der Koran offenbar nur zu Männern spreche, und darauf folgte der Vers, der „muslimische Männer und muslimische Frauen“ nennt (33:35); dieselbe Frau kämpfte bei Uḥud, um den Propheten ﷺ zu schützen.
Auch die Frauen von Medina verlangten ihren Anteil an seiner Lehre. Abu Saʿīd al-Khudrī berichtete, dass sie zum Propheten ﷺ kamen und sagten:
«غَلَبَنَا عَلَيْكَ الرِّجَالُ، فَاجْعَلْ لَنَا يَوْمًا مِنْ نَفْسِكَ»
„Die Männer nehmen dich ganz für sich ein; so bestimme für uns einen Tag von deiner Zeit.“
Er versprach ihnen einen Tag, kam mit ihnen zusammen und unterrichtete sie. Er sagte ihnen nicht, sie sollten warten, bis ihre Männer seine Lehren an sie weitergäben.
Nach seinem Tod wurde Aisha (möge Allah Wohlgefallen an ihr haben) eine der großen Lehrerinnen der Gemeinschaft. Sie berichtigte angesehene Gefährten, darunter Abu Hurayra und Ibn ʿUmar, wenn sie der Ansicht war, dass diese die Worte des Propheten ﷺ falsch in Erinnerung hatten oder missverstanden. Imam Badr al-Dīn al-Zarkashī (gest. 1392) sammelte ihre Berichtigungen in einem ganzen Buch, al-Ijāba li-Īrād mā Istadrakathu ʿĀʾisha ʿalā al-Ṣaḥāba, das Sofia Rehman 2024 teilweise übersetzt und untersucht hat. Die Tradition der Gelehrtinnenauf Englisch, die ihr folgten, ist gewaltig.
Was haben muslimische Gelehrte über die Gleichberechtigung der Frau geschrieben?
In der Neuzeit setzen sich muslimische Frauen seit mehr als einem Jahrhundert aus dem Glauben heraus für ihre Rechte ein. Huda Shaarawi gründete 1923 die Ägyptische Feministische Union. Die marokkanische Soziologin Fatima Mernissi ging in Le Harem politique (1987; deutsch: Der politische Harem, englisch: The Veil and the Male Elite, 1991) den Hadithen nach, mit denen man Frauen am häufigsten vom öffentlichen Leben fernhielt, und untersuchte, wer sie überliefert hatte, wann und warum.
Amina Wadud und Asma Barlas lasen den Koran selbst neu und fanden in ihm eine durchgängige Botschaft gleicher Erschaffung und gleicher Verantwortung. Ziba Mir-Hosseini hat in Islam and Gender (1999) und späteren Arbeiten die klassische Unterscheidung fruchtbar gemacht zwischen der Scharia, dem Weg, den Allah offenbart, und dem Fiqh, dem menschlichen Verständnis der Juristen von diesem Weg. Der Fiqh war immer von Meinungsverschiedenheit (ikhtilāf) und von der Rücksicht auf den Brauch (ʿurf) geprägt, und darum kann er erneuert werden, wenn seine Urteile der Gerechtigkeit nicht mehr dienen. Kecia Ali hat in Sexual Ethics and Islam (2006) dieselbe Sorgfalt auf das Ehe- und Scheidungsrecht angewandt.
Im Februar 2009 kamen in Kuala Lumpur etwa 250 Menschen aus 47 Ländern zusammen und gründeten Musawah, eine weltweite Bewegung für Gleichheit und Gerechtigkeit in der muslimischen Familie; Mir-Hosseini gehört zu ihren Gründungsmitgliedern. Ihre Arbeit wurzelt im Koran, in der Sunna und in den Methoden der Juristen selbst.
Ist islamischer Feminismus eine westliche Idee?
Die Behauptung, die Gleichberechtigung der Frau sei aus dem Westen eingeführt worden, übersieht den Koran selbst. Muslimische Frauen trugen ihre Anliegen schon vor vierzehn Jahrhunderten dem Propheten ﷺ vor und bekamen recht: Die Klage der Khawla bint Thaʿlaba gegen ihren Ehemann gab der Sure al-Mujādila ihren Namen (58:1). Muslimische Frauen besitzen seit der ersten Generation Eigentum in eigenem Namen, lange bevor verheiratete Frauen in England das konnten. Die Gelehrten, die den Fiqh heute erneuern, arbeiten mit den Werkzeugen, die die Tradition schon immer verwendet hat: den Zielen der Scharia (maqāṣid al-sharīʿa), dem Gemeinwohl (maṣlaḥa) und der eigenständigen Urteilsfindung (ijtihād).
Die Gleichberechtigung zeigt sich auch in Formen, die einst ungewöhnlich waren und heute in der ganzen muslimischen Welt vorkommen: Frauen, die das Gebet leiten, Richterinnen und weibliche Muftis, und Frauen, die in jedem Bereich arbeiten und Verantwortung tragen.
Heißt muslimischer Feminismus, Kopftuch oder Familie abzulehnen?
Er bedeutet Wahlfreiheit. Eine Frau, die aus Liebe zu Allah ihr Haar bedeckt, ehrt ihren Glauben, und ebenso eine Frau, die es nicht tut; die Bedeckung ist eine persönliche Entscheidung, schön, wenn sie frei getroffen wird (Ist das Kopftuch im Islam Pflicht?). Ehe, Mutterschaft und Beruf stehen ihr gleichermaßen offen. Einem Mann, der gekommen war, um nach der Teilnahme an einem Feldzug zu fragen, sagte der Prophet ﷺ, er solle stattdessen bei seiner Mutter bleiben, „denn das Paradies liegt unter ihren Füßen“ (Sunan al-Nasa’i 3104). Die Arbeit der Mütter zu ehren und Frauen jede andere Tür zu öffnen, gehört zu ein und derselben Gerechtigkeit.
Ein Bittgebet um Gerechtigkeit
Auf den Neid zwischen den Geschlechtern antwortet der Koran mit einer Einladung an beide:
لِّلرِّجَالِ نَصِيبٞ مِّمَّا ٱكۡتَسَبُواْۖ وَلِلنِّسَآءِ نَصِيبٞ مِّمَّا ٱكۡتَسَبۡنَۚ وَسۡـَٔلُواْ ٱللَّهَ مِن فَضۡلِهِۦٓ
„Den Männern steht ein Anteil an dem zu, was sie erworben haben, und den Frauen steht ein Anteil an dem zu, was sie erworben haben. Und bittet Allah um Seine Huld.“
Möge Allah Frauen und Männern gleichermaßen Seine Huld öffnen und uns zu Menschen machen, die jeder Seele geben, was ihr zusteht.
Und Allah weiß es am besten. والله أعلم
Häufige Fragen
Kann eine Muslimin Feministin sein?
Ja. Sich für die gleiche Würde und die gleichen Rechte von Frauen einzusetzen, folgt aus der Lehre des Korans, dass Frauen und Männer aus einer Seele stammen und mit einem Maß gemessen werden, und viele gläubige Musliminnen und Muslime bezeichnen sich als Feministinnen und Feministen.
Was ist islamischer Feminismus?
Islamischer Feminismus liest Koran, Sunna und Fiqh im Licht der koranischen Grundsätze von Gerechtigkeit und Gleichheit und erneuert Familienrecht und Gemeindeleben entsprechend. Musawah, 2009 in Kuala Lumpur gegründet, ist sein bekanntestes weltweites Netzwerk.
Hat sich der Prophet ﷺ für die Rechte der Frauen eingesetzt?
Er bestimmte einen Tag, um Frauen zu unterrichten, als sie darum baten, er hob eine Ehe auf, die ein Vater seiner Tochter aufgezwungen hatte, er schlug nie eine Frau, und er beantwortete die Fragen von Frauen vor aller Öffentlichkeit. Der Koran selbst kam als Antwort auf die Klagen von Frauen herab.
Warum nennen manche Gelehrte Feminismus haram?
Manche Gelehrte lehnen das Wort ab, weil sie es mit Bewegungen verbinden, die der Religion oder dem Familienleben feindlich gegenüberstehen. Den Inhalt, gleiche Würde und Gerechtigkeit für Frauen, bekräftigt der Koran, und die stärkere Ansicht heißt ihn willkommen, unter welchem Namen auch immer.
Verwandte Fragen
Quellen
- Fatima Mernissi, Der politische Harem: Mohammed und die Frauen (frz. Original Le Harem politique, 1987; engl. The Veil and the Male Elite, 1991)
- Ziba Mir-Hosseini, Islam and Gender: The Religious Debate in Contemporary Iran (Princeton University Press, 1999)
- Kecia Ali, Sexual Ethics and Islam: Feminist Reflections on Qur'an, Hadith, and Jurisprudence (Oneworld, 2006)
- Sofia Rehman, Gendering the Ḥadīth Tradition: Recentring the Authority of Aisha, Mother of the Believers (Oxford University Press, 2024)
- Musawah: Global Movement for Equality and Justice in the Muslim Family
- Sahih al-Bukhari 101 (die Bitte der Frauen um einen eigenen Unterrichtstag)
Bild: Reda.bnhd, Courtyard of the Qarawiyyin Mosque, Fez, 2019. CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons.. Bildnachweise