Darf eine Frau Imamin sein und das Gebet leiten?
Frage 1057
Frage
Darf eine Frau als Imamin anderen Frauen oder einer gemischten Gemeinde aus Frauen und Männern im Gebet vorstehen?
Zusammenfassung der Antwort
Eine Frau darf Imamin sein. Der Prophet ﷺ gab Umm Waraqa einen eigenen Muezzin und trug ihr auf, den Leuten ihres Hauses vorzubeten, einer Gemeinde, zu der mindestens ein Mann gehörte; zudem lehrte er, dass der beste Koranrezitator vorbeten soll. Die meisten Rechtsschulen erlauben Frauen, Frauen vorzubeten. Abu Thawr, al-Muzani, al-Tabari und Ibn ʿArabi ließen auch Männer hinter einer Frau beten, und heute versammeln sich von China bis Berlin Gemeinden, denen Frauen vorstehen.
Antwort
الحمد لله Alles Lob gebührt Allah.

Eine Frau darf Imamin sein. Der Prophet ﷺ selbst hat eine Frau beauftragt, in ihrem Haus das Gebet zu leiten, und als Voraussetzung für das Vorbeten nannte er die Kenntnis des Korans, ohne das Geschlecht auch nur zu erwähnen. Fast alle Rechtsschulen des Islam erlauben einer Frau, anderen Frauen vorzubeten. Ob sie auch Männern vorbeten darf, darüber waren die Gelehrten uneins (ikhtalafa al-ʿulamāʾ), und die stärkere Ansicht (al-rājiḥ) lautet: Eine Frau, die die Kundigste und die beste Rezitatorin ist, darf einer gemischten Gemeinde vorstehen, die sie annimmt.
Hat zur Zeit des Propheten ﷺ eine Frau das Gebet geleitet?
Umm Waraqa bint ʿAbd Allāh aus den Reihen der Anṣār (möge Allah Wohlgefallen an ihr haben) hatte den Koran gelernt. Als der Prophet ﷺ nach Badr aufbrach, bat sie, mitkommen und die Verwundeten pflegen zu dürfen. Er hieß sie zu Hause bleiben und versprach ihr, Allah werde ihr den Märtyrertod schenken; von da an nannten die Leute von Medina sie „die Märtyrerin“ (Sunan Abi Dawud 591). Eine zweite Überlieferung ergänzt:
«وَكَانَ رَسُولُ اللَّهِ صلى الله عليه وسلم يَزُورُهَا فِي بَيْتِهَا وَجَعَلَ لَهَا مُؤَذِّنًا يُؤَذِّنُ لَهَا وَأَمَرَهَا أَنْ تَؤُمَّ أَهْلَ دَارِهَا»
„Der Gesandte Allahs ﷺ besuchte sie regelmäßig in ihrem Haus. Er gab ihr einen Muezzin, der für sie zum Gebet rief, und trug ihr auf, den Bewohnern ihres Hauses vorzubeten.“
Der Überlieferer ʿAbd al-Raḥmān ibn Khallād fügte hinzu: „Ich habe ihren Muezzin gesehen, und er war ein alter Mann.“ Al-Albani stufte beide Berichte als hasan ein. Ein Haushalt mit eigenem Muezzin war eine Gemeinde, und zu dieser Gemeinde gehörte mindestens ein Mann. Der Prophet ﷺ stellte keinen Mann an ihre Spitze. Er stellte die Frau dorthin, die den Koran kannte.
Wer ist geeignet, das Gebet zu leiten?
Auf diese Frage hat der Prophet ﷺ selbst geantwortet:
«يَؤُمُّ الْقَوْمَ أَقْرَؤُهُمْ لِكِتَابِ اللَّهِ فَإِنْ كَانُوا فِي الْقِرَاءَةِ سَوَاءً فَأَعْلَمُهُمْ بِالسُّنَّةِ»
„Den Leuten soll derjenige vorbeten, der das Buch Allahs am besten rezitiert. Sind sie in der Rezitation gleich, dann derjenige, der die Sunna am besten kennt.“
Die Reihenfolge geht weiter mit dem, der zuerst ausgewandert ist, und dem, der als Erster den Islam angenommen hat. Jedes dieser Kriterien betrifft Wissen und Hingabe. Keines davon setzt voraus, ein Mann zu sein. Denselben Maßstab legt der Koran an den Wert jedes Menschen an:
إِنَّ أَكۡرَمَكُمۡ عِندَ ٱللَّهِ أَتۡقَىٰكُمۡۚ إِنَّ ٱللَّهَ عَلِيمٌ خَبِيرٞ
„Der Edelste von euch vor Allah ist der Gottesfürchtigste unter euch. Allah ist allwissend und allkundig.“
Was sagten die klassischen Rechtsschulen?
Wenn Frauen Frauen vorbeten, sind die Rechtsschulen weitgehend offen. Die schafiitische und die hanbalitische Schule erlauben es, die hanafitische erlaubt es ebenfalls, stuft es aber als verpönt (makrūh) ein. Von Aisha und Umm Salama (möge Allah Wohlgefallen an ihnen haben) berichten die frühen Sammlungen von ʿAbd al-Razzāq und Ibn Abī Shayba, dass sie Frauen vorbeteten und dabei in der Mitte der ersten Reihe standen. Auch viele schiitische Gelehrte erlauben einer Frau, einer Frauengemeinde vorzustehen. Die wichtigste Ausnahme ist die malikitische Rechtsschule.
Dass eine Frau Männern vorbetet, lehnte die Mehrheit ab. Ihr stärkster Text ist ein Bericht in den Sunan Ibn Majah (1081): „Keine Frau soll einem Mann vorbeten.“ Seine Überlieferungskette ist schwach; al-Albani und alle anderen Bewerter in den gängigen Ausgaben stuften ihn als daʿīf ein. Eine Minderheit der frühen Juristen widersprach der Mehrheit. Spätere Gelehrte halten fest, dass Abu Thawr (gest. 854), al-Muzani (gest. 878) und Ibn Jarir al-Tabari (gest. 923) das Pflichtgebet von Männern hinter einer Frau für gültig hielten. Der andalusische Meister Ibn ʿArabi (gest. 1240) schrieb in al-Futūḥāt al-Makkiyya, manche Gelehrte erlaubten Frauen ohne jede Einschränkung, Männern vorzubeten, „und das ist auch meine Ansicht“, und er warnte davor, es ohne Beleg zu verbieten.
Die richtige Position folgt dem Propheten ﷺ, der Umm Waraqa selbst einsetzte und den besten Rezitator vorbeten ließ: Eine Frau darf jeder Gemeinde vorbeten, die sie dafür wählt.
Wo leiten Frauen heute das Gebet?
Dass Frauen im Gebet vorangehen, hat eine lange Geschichte. In Zentralchina bauten Gemeinden der muslimischen Hui seit der späten Ming- und der frühen Qing-Zeit eigene Frauenmoscheen (nüsi); die Frauenmoschee Wangjia Hutong in Kaifeng stammt aus dem Jahr 1820. Imaminnen (nü ahong) lehren dort bis heute den Koran und leiten ihre Gemeinden, wie Maria Jaschok und Shui Jingjun in The History of Women’s Mosques in Chinese Islam (2000) dokumentiert haben.
Am 18. März 2005 leitete die Gelehrte Amina Wadud in New York das Freitagsgebet einer gemischten Gemeinde, nachdem drei Moscheen es abgelehnt hatten, das Gebet bei sich auszurichten. Im Januar 2015 hielt die Women’s Mosque of America in Los Angeles ihr erstes Freitagsgebet, und eine Frau hielt die Predigt. Im August 2016 leiteten Sherin Khankan und Saliha Marie Fetteh das erste Freitagsgebet in der Mariam-Moschee in Kopenhagen. In Berlin heißt die Ibn-Rushd-Goethe-Moschee, 2017 von der Rechtsanwältin und Imamin Seyran Ateş gegründet, Frauen und Männer willkommen, die dort Seite an Seite hinter Imaminnen und Imamen beten. Weitere Gemeinden nennt die Antwort Gibt es LGBTQ-freundliche und offene Moscheen?, und Was ist progressiver Islam? stellt sie näher vor.
Darf eine Frau die Freitagspredigt halten?
Die Chutba ist Belehrung und Ermahnung, und Frauen haben die Gemeinde von ihren ersten Tagen an belehrt. Aisha berichtigte ältere Prophetengefährten, und die Tradition der Gelehrtinnen, die in den großen Moscheen Männer und Frauen unterrichteten, zieht sich durch die Jahrhunderte. Nach den oben genannten Belegen darf eine Frau, die befähigt ist, das Freitagsgebet zu leiten, auch die Predigt dazu halten. Eine Frau, die das Freitagsgebet (Dschumua) in einer Moschee mit einem männlichen Imam betet, erfüllt es ebenso, und wer es versäumt, betet Dhuhr (Was, wenn ich das Freitagsgebet verpasse?).
Wie sollte eine Gemeinde entscheiden?
Eine Gemeinde sollte, wie der Prophet ﷺ es gelehrt hat, die Person wählen, die sie an Wissen, Rezitation und Charakter am besten leiten kann. Gemeinden, denen Frauen vorstehen, gemischte Gemeinden, Frauenkreise im eigenen Zuhause und Moscheen, die der Mehrheitsansicht folgen: Sie alle beten zu demselben Herrn. Niemand sollte gedrängt werden, hinter einem Imam zu beten, den er nicht annimmt, und niemand sollte Frauen verspotten, die vorbeten, oder die Frauen und Männer, die hinter ihnen beten. Auch eine Moschee, die an der älteren Ordnung festhält, kann Frauen ihre Türen ganz öffnen (Dürfen Frauen in die Moschee gehen?).
Ein Wort zum Schluss
Der Koran beschreibt die Gemeinschaft der Gläubigen als eine, in der Frauen und Männer das Werk des Glaubens gemeinsam tragen:
وَٱلۡمُؤۡمِنُونَ وَٱلۡمُؤۡمِنَٰتُ بَعۡضُهُمۡ أَوۡلِيَآءُ بَعۡضٖۚ يَأۡمُرُونَ بِٱلۡمَعۡرُوفِ وَيَنۡهَوۡنَ عَنِ ٱلۡمُنكَرِ وَيُقِيمُونَ ٱلصَّلَوٰةَ
„Die gläubigen Männer und die gläubigen Frauen sind einander Freunde und Beistand. Sie gebieten das Rechte, verwehren das Verwerfliche und verrichten das Gebet.“
Möge Allah in jeder Gemeinde Frauen und Männer erwecken, die das Gebet mit Wissen und Demut verrichten, und möge Er es von uns allen annehmen.
Und Allah weiß es am besten. والله أعلم
Häufige Fragen
Darf eine Frau anderen Frauen vorbeten?
Ja. Die hanafitische, die schafiitische und die hanbalitische Rechtsschule erlauben es, und von Aisha und Umm Salama wird berichtet, dass sie Frauen vorbeteten und dabei in der Mitte der ersten Reihe standen. Auch viele schiitische Gelehrte erlauben es; die wichtigste Ausnahme ist die malikitische Rechtsschule.
Darf eine Frau Männern vorbeten?
Nach der stärkeren Ansicht darf sie es, wenn sie die Kundigste und die beste Rezitatorin ist und die Gemeinde sie annimmt. Die Belege sind der Hadith über Umm Waraqa und die Regel des Propheten ﷺ, dass der beste Rezitator vorbetet; der Bericht, der es verbietet, hat eine schwache Überlieferungskette.
Darf eine Frau die Freitagspredigt halten?
Nach denselben Belegen ja. Frauen halten die Freitagspredigt seit 2015 in der Women's Mosque of America in Los Angeles und in Moscheen in Europa, denen Frauen vorstehen.
Wo steht eine Imamin beim Gebet?
Betet sie nur Frauen vor, steht sie nach klassischer Praxis in der Mitte der ersten Reihe. In gemischten Gemeinden ordnen die Gemeinden die Reihen so, wie sie es miteinander vereinbaren, ob Frauen und Männer nebeneinander oder in getrennten Reihen beten.
Verwandte Fragen
Quellen
- Sunan Abi Dawud 591–592 (Umm Waraqa)
- Sahih Muslim 673a (der beste Rezitator betet vor)
- Ibn ʿArabi, al-Futūḥāt al-Makkiyya
- Maria Jaschok und Shui Jingjun, The History of Women's Mosques in Chinese Islam: A Mosque of Their Own (Curzon, 2000)
- Amina Wadud, Inside the Gender Jihad: Women's Reform in Islam (Oneworld, 2006)
Bild: Chongkian, Xiaotaoyuan Women's Mosque, Shanghai, 2015. CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons.. Bildnachweise