Wer waren die großen Gelehrtinnen des Islam?
Frage 1068
Frage
Gab es in der islamischen Geschichte Gelehrtinnen, und wer waren die bedeutendsten unter ihnen?
Zusammenfassung der Antwort
Die islamische Gelehrsamkeit hatte zu allen Zeiten Gelehrtinnen. Aisha unterrichtete die Prophetengefährten, Umm al-Dardāʾ lehrte in Damaskus einen Kalifen, Karima al-Marwaziyya unterrichtete in Mekka den Sahih al-Bukhari, und Nana Asmaʾu bildete in ganz Westafrika Lehrerinnen aus. Mohammad Akram Nadwi hat rund achttausend Hadith-Gelehrtinnen dokumentiert, und al-Dhahabi fand unter ihnen keine einzige, die man der Lüge im Hadith beschuldigt hätte.
Antwort
الحمد لله Alles Lob gebührt Allah.

Die Geschichte der islamischen Gelehrsamkeit ist voller Frauen. Sie lernten den Koran auswendig und lehrten ihn, überlieferten Hadithe, erteilten Rechtsgutachten, unterrichteten Kalifen und Richter und stifteten Moscheen und Schulen. Als der Oxforder Gelehrte Mohammad Akram Nadwi sich daranmachte, die Hadith-Gelehrtinnen des Islam zu erfassen, rechnete er mit einigen Dutzend. Er fand rund achttausend, und seine Einführung in dieses Werk, al-Muḥaddithāt (2007), hat verändert, wie viele Muslime ihre eigene Tradition sehen. Gelehrtinnen gibt es im Islam, seit es den Islam gibt.
Hat der Prophet ﷺ Frauen unterrichtet?
Er hat es getan, und die Frauen verlangten nach mehr. Abu Saʿīd al-Khudrī berichtete:
«قَالَتِ النِّسَاءُ لِلنَّبِيِّ صلى الله عليه وسلم غَلَبَنَا عَلَيْكَ الرِّجَالُ، فَاجْعَلْ لَنَا يَوْمًا مِنْ نَفْسِكَ. فَوَعَدَهُنَّ يَوْمًا لَقِيَهُنَّ فِيهِ، فَوَعَظَهُنَّ وَأَمَرَهُنَّ»
„Die Frauen sagten zum Propheten ﷺ: Die Männer nehmen dich ganz für sich in Anspruch, so schenke uns einen Tag von deiner Zeit. Da versprach er ihnen einen Tag, an dem er zu ihnen kam, ihnen ins Gewissen redete und sie unterwies.“
Aisha lobte die Frauen der Ansar für denselben Eifer: „Wie vortrefflich sind die Frauen der Ansar! Die Scheu hielt sie nie davon ab, ihre Religion gründlich zu verstehen“ (Sahih Muslim 332c). Der Koran gibt dem Wissen seinen Rang, ohne danach zu fragen, wer es besitzt:
قُلۡ هَلۡ يَسۡتَوِي ٱلَّذِينَ يَعۡلَمُونَ وَٱلَّذِينَ لَا يَعۡلَمُونَ
„Sprich: Sind etwa die, die wissen, und die, die nicht wissen, einander gleich?“
Wer waren die Gelehrtinnen unter den ersten Muslimen?
An erster Stelle steht Aisha bint Abī Bakr (möge Allah mit ihr zufrieden sein). Mehr als zweitausend Hadithe sind uns durch sie überliefert, und ranghohe Prophetengefährten kamen mit ihren Fragen zu Recht, Ritus und Bedeutung des Korans zu ihr. Sie berichtigte ihre Irrtümer mit großer Sicherheit, und der schafiitische Gelehrte al-Zarkashi (gest. 1392) sammelte diese Berichtigungen in einem eigenen Buch. Mehr über ihr Leben steht in der Antwort Wie alt war Aisha, als sie den Propheten heiratete?
Umm Salama, eine weitere Frau des Propheten ﷺ, wurde in Rechtsfragen um Rat gebeten und überlieferte Hunderte von Hadithen. Al-Shifāʾ bint ʿAbd Allāh lehrte in Medina das Schreiben; der Prophet ﷺ bat sie, seine Frau Ḥafṣa zu unterrichten (Sunan Abi Dawud 3887).
In der nächsten Generation wurde Umm al-Dardāʾ die Jüngere zu einer der führenden Rechtsgelehrten von Damaskus. Als Mädchen saß sie in der Moschee unter den männlichen Gelehrten und betete in ihren Reihen, und als erwachsene Frau lehrte sie Hadith und Recht in Damaskus und Jerusalem. Nadwi berichtet, dass der umayyadische Kalif ʿAbd al-Malik ibn Marwān ihren Unterricht besuchte.
Wer waren die großen Hadith-Gelehrtinnen?
Frauen gehörten zu den verlässlichsten Gliedern der Überlieferungsketten. Der große Hadith-Kritiker al-Dhahabi (gest. 1348), der ein ganzes Lexikon schwacher und verdächtiger Überlieferer verfasste, hielt in Mīzān al-Iʿtidāl fest, ihm sei keine Frau bekannt, die man der Lüge im Hadith beschuldigt oder deren Überlieferungen man verworfen habe.
Karima al-Marwaziyya (969 bis 1069) wurde bei Merw geboren und ließ sich in Mekka nieder, wo sie zur bedeutendsten Lehrerin des Sahih al-Bukhari ihrer Zeit wurde. Gelehrte reisten zur Heiligen Moschee, um das Werk bei ihr zu lesen, unter ihnen der Historiker al-Khaṭīb al-Baghdādī.
Fāṭima al-Samarqandiyya (gest. 1185) war hanafitische Juristin und Tochter des Juristen, der Tuḥfat al-Fuqahāʾ verfasste. Ihr Mann, ʿAlāʾ al-Dīn al-Kāsānī, schrieb Badāʾiʿ al-Ṣanāʾiʿ, eines der großen Werke des hanafitischen Rechts, und die Biografen berichten, dass sie seine Rechtsgutachten berichtigte, wenn er irrte. Sie beriet den Sultan Nūr al-Dīn in Aleppo, wo sie auch begraben liegt.
Der mamlukische Gelehrte al-Sakhawi (gest. 1497) widmete den letzten Band seines biografischen Lexikons des neunten islamischen Jahrhunderts ganz den Frauen, mehr als tausend an der Zahl. Viele der großen Hadith-Meister jener Zeit, darunter Ibn Hajar al-ʿAsqalānī, lernten bei Lehrerinnen.
Haben Frauen Moscheen und Schulen gegründet?
Ja, in der ganzen muslimischen Welt. Die marokkanische Überlieferung, die Ibn Abī Zarʿ im vierzehnten Jahrhundert festhielt, schreibt Fāṭima al-Fihriyya die Gründung der Qarawiyyin-Moschee in Fès um 859 zu, mit dem Vermögen, das sie von ihrem Vater geerbt hatte; wie viel an dieser Geschichte Legende ist, wird unter Historikern diskutiert. Die Qarawiyyin wuchs zu einem der ältesten Zentren der Gelehrsamkeit der Welt heran und ist heute eine Universität.
Frauen aus Herrscher- und Kaufmannsfamilien stifteten Moscheen, Medresen, Krankenhäuser und Armenküchen in Form frommer Stiftungen (awqāf, أوقاف). In Istanbul vereinte der Haseki-Komplex, den Hürrem Sultan in den 1530er-Jahren gründete, eine Moschee, eine Medrese, ein Krankenhaus und eine Armenküche. Solche Stiftungen bezahlten jahrhundertelang Lehrer und verköstigten Studenten.
Wer war Nana Asmaʾu?
Nana Asmaʾu (1793 bis 1864), Tochter von Usman dan Fodio, dem Gründer des Kalifats von Sokoto im heutigen Norden Nigerias, war Gelehrte, Dichterin und Lehrerin. Sie schrieb auf Arabisch, Fulfulde und Hausa und beherrschte außerdem Tamascheq; mehr als sechzig ihrer Werke über Recht, Theologie, Sufismus und Geschichte sind erhalten. Um 1830 bildete sie ein Netz von Lehrerinnen aus, die jajis, die umherreisten, um Frauen in ihren Häusern zu unterrichten; deren Schülerinnen wurden als ʿYan Taru bekannt. Im Norden Nigerias tragen heute Frauenvereinigungen, Schulen und Versammlungshallen ihren Namen.
Gibt es heute Gelehrtinnen?
Gelehrtinnen lehren heute in allen Teilen der muslimischen Welt. Seit 2006 bildet Marokko religiöse Beraterinnen (murshidāt) aus, die in Moscheen unterrichten und Rat geben. 2017 fand in Indonesien der erste Kongress der Ulama-Frauen (KUPI) statt, dessen Fatwas gegen Kinderehen und sexuelle Gewalt die Debatte im ganzen Land geprägt haben. An den Universitäten haben Gelehrte wie Amina Wadud, Asma Barlas und Kecia Ali die Erforschung des Korans und des islamischen Rechts neu geprägt. Frauen leiten heute auch das Gebet und wirken als Imaminnen (Darf eine Frau Imamin sein und das Gebet leiten?), und warum die Gleichberechtigung zum Islam gehört, erklärt die Antwort Ist Feminismus mit dem Islam vereinbar?
Ein Mädchen, das den Koran lernt, eine Frau, die in islamischem Recht promoviert, eine Mutter, die ihren Kindern das Gebet beibringt: Sie alle stehen in dieser Reihe (Was sagt der Islam über Bildung für Mädchen?).
Der Lohn derer, die nach Wissen streben
Als die Gläubigen zu Allah flehten, hielt der Koran Seine Antwort fest:
فَٱسۡتَجَابَ لَهُمۡ رَبُّهُمۡ أَنِّي لَآ أُضِيعُ عَمَلَ عَٰمِلٖ مِّنكُم مِّن ذَكَرٍ أَوۡ أُنثَىٰۖ بَعۡضُكُم مِّنۢ بَعۡضٖ
„Da erhörte sie ihr Herr: Ich lasse die Tat keines Handelnden unter euch verloren gehen, sei es Mann oder Frau. Ihr seid einer vom anderen.“
Möge Allah in jeder Generation Frauen des Wissens hervorbringen und jeder Tochter, die das Wissen sucht, die Türen des Lernens öffnen.
Und Allah weiß es am besten. والله أعلم
Häufige Fragen
Kann eine Frau Muftiya oder islamische Gelehrte sein?
Ja. Seit der Zeit Aishas haben Frauen Hadithe gelehrt, Rechtsgutachten erteilt und Gelehrte ausgebildet. Heute wirken Frauen in vielen Ländern als Gelehrte, als religiöse Beraterinnen und als Mitglieder von Fatwa-Gremien.
Wer war die erste Gelehrtin im Islam?
Khadija war der erste Mensch, der den Glauben annahm, und Aisha wurde die erste große Gelehrtin. Ranghohe Prophetengefährten kamen mit ihren Fragen zu ihr, und mehr als zweitausend Hadithe sind uns durch sie überliefert.
Haben männliche Gelehrte bei Frauen gelernt?
Viele. Der Kalif ʿAbd al-Malik besuchte den Unterricht von Umm al-Dardāʾ, al-Khaṭīb al-Baghdādī las den Sahih al-Bukhari bei Karima al-Marwaziyya, und die großen Hadith-Meister späterer Jahrhunderte nennen unter ihren Lehrern Dutzende Frauen.
Wurden Gelehrtinnen im schiitischen Islam anerkannt?
Ja. Fāṭima al-Zahrāʾ wird als Quelle des Wissens verehrt, und das Frauenseminar Jāmiʿat al-Zahrāʾ in Ghom bildet Frauen aus, die über Recht und Theologie lehren und schreiben.
Verwandte Fragen
Quellen
- Mohammad Akram Nadwi, al-Muhaddithat: The Women Scholars in Islam (Interface Publications, 2007)
- Sahih al-Bukhari 101 (ein Tag für die Frauen)
- al-Dhahabi, Mīzān al-Iʿtidāl, Bd. 4 (über die Überlieferinnen)
- al-Sakhawi, al-Ḍawʾ al-Lāmiʿ li-Ahl al-Qarn al-Tāsiʿ, letzter Band über die Frauen
- Jean Boyd und Beverly B. Mack, The Collected Works of Nana Asmaʾu, Daughter of Usman ɗan Fodiyo (Michigan State University Press, 1997)
- History News Network, Mohammad Akram Nadwi discovers that many Islamic scholars were women
Bild: Reda.bnhd, Courtyard of the Qarawiyyin Mosque, Fez, 2019. CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons.. Bildnachweise