Ist Scheidung im Islam haram?

Frage 1070

Frage

Ist eine Scheidung im Islam eine Sünde, und ist es haram, eine unglückliche Ehe zu beenden?

Zusammenfassung der Antwort

Scheidung ist halal. Der Koran eröffnet sie als rechtmäßigen Ausweg aus einer Ehe, die keinen Frieden mehr schenkt: Die Eheleute sollen in Güte zusammenbleiben oder sich in Würde trennen (2:229), und Allah verspricht, für jeden von ihnen zu sorgen (4:130). Der Prophet ﷺ gab dem Scheidungswunsch einer Frau statt, ohne von ihr einen Beweis für ein Verschulden zu verlangen, und der Ausspruch, die Scheidung sei das verhassteste Erlaubte, hat eine schwache Überlieferungskette.

Antwort

الحمد لله Alles Lob gebührt Allah.

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Scheidung ist im Islam halal. Der Koran gibt Mann und Frau einen rechtmäßigen und würdevollen Weg, sich zu trennen, wenn ihre Ehe nicht mehr die Ruhe, die Liebe und die Barmherzigkeit schenkt, für die sie gedacht war. Allah gebietet ihnen, in Güte auseinanderzugehen, und verspricht, danach für jeden von ihnen zu sorgen. Viele Muslime tragen schwer an der Scham über eine Scheidung, oft wegen eines schwachen Ausspruchs, der sie als Allah verhasst bezeichnet. Der Koran dagegen behandelt die Scheidung als Barmherzigkeit. Seine Bestimmungen dazu gehören zu den ausführlichsten im ganzen Buch, und sie alle zielen auf Güte, Gerechtigkeit und den Schutz der schwächeren Seite.

Was sagt der Koran über die Scheidung?

Der Koran hat einer ganzen Sure den Namen Sūrat al-Ṭalāq gegeben, „Die Scheidung“, und kommt in der Sure al-Baqara immer wieder auf das Thema zurück. Seine zentrale Regel lautet:

ٱلطَّلَٰقُ مَرَّتَانِۖ فَإِمۡسَاكُۢ بِمَعۡرُوفٍ أَوۡ تَسۡرِيحُۢ بِإِحۡسَٰنٖ

„Die Scheidung kann zweimal ausgesprochen werden; danach behaltet sie in Ehren oder gebt sie in Güte frei.“

Koran 2:229

Der Vers kennt zwei ehrenhafte Wege. In der Ehe zu bleiben ist gut, wenn es in Anstand und Güte (maʿrūf) geschieht, und sich zu trennen ist gut, wenn es mit Edelmut (iḥsān, إحسان) geschieht. Den dritten Weg verbietet der Koran: einen Ehepartner festzuhalten, um ihm zu schaden. „Haltet sie nicht fest, um ihnen zu schaden und so Unrecht zu begehen“ (2:231). Und er bittet diejenigen, die sich trennen, die Großzügigkeit nicht zu vergessen, die einmal zwischen ihnen bestand (2:237).

Dann folgt ein Versprechen, an dem sich jeder Mensch festhalten kann, der eine Scheidung hinter sich hat:

وَإِن يَتَفَرَّقَا يُغۡنِ ٱللَّهُ كُلّٗا مِّن سَعَتِهِۦۚ وَكَانَ ٱللَّهُ وَٰسِعًا حَكِيمٗا

„Und wenn die beiden sich trennen, wird Allah jeden von ihnen aus Seiner Fülle reich machen. Allah ist allumfassend und weise.“

Koran 4:130

Hat der Prophet ﷺ die Scheidung erlaubt?

Ja, und er hat sie Frauen ebenso zugänglich gemacht wie Männern. Die Frau von Thābit ibn Qays kam zu ihm und sagte, sie habe am Charakter und am Glauben ihres Mannes nichts auszusetzen, könne aber nicht bei ihm bleiben. Ibn ʿAbbās hat ihre Worte so überliefert:

«يَا رَسُولَ اللَّهِ ثَابِتُ بْنُ قَيْسٍ مَا أَعْتُبُ عَلَيْهِ فِي خُلُقٍ وَلاَ دِينٍ، وَلَكِنِّي أَكْرَهُ الْكُفْرَ فِي الإِسْلاَمِ»

„Gesandter Allahs, an Thābit ibn Qays habe ich weder in seinem Charakter noch in seiner Religion etwas auszusetzen. Doch ich verabscheue es, im Islam in Undankbarkeit zu verfallen.“

Sahih al-Bukhari 5273

Sie meinte, dass sie ihm die Liebe und Dankbarkeit, die eine Ehe verlangt, nicht schenken konnte, und sie fürchtete, ihm Unrecht zu tun. Der Prophet ﷺ fragte sie, ob sie den Garten zurückgeben wolle, den Thābit ihr als Brautgabe geschenkt hatte. Sie willigte ein, und er wies Thābit an, den Garten anzunehmen und sie freizugeben. Darauf gründet die khulʿ (خلع), die Scheidung, die von der Frau ausgeht. Der Prophet ﷺ verlangte von ihr keinen Beweis für eine Misshandlung, und er hielt ihr keine Predigt über Geduld. Dass sie unglücklich war, genügte.

Auch im Haus des Propheten ﷺ kam die Scheidung vor. Er sprach einmal die Scheidung von seiner Frau Ḥafṣa aus und nahm sie dann zurück (Sunan Abi Dawud 2283, von al-Albani als sahih eingestuft), und er heiratete Zaynab bint Jaḥsh, nachdem ihre Ehe mit Zayd ibn Ḥāritha geendet hatte. Die Gefährten, Männer wie Frauen, ließen sich scheiden und heirateten wieder, ohne dass ein Makel an ihnen haftete.

Ist die Scheidung das Erlaubte, das Allah am meisten hasst?

Der bekannte Ausspruch „Das verhassteste der erlaubten Dinge bei Allah ist die Scheidung“ steht in Sunan Abi Dawud 2178. Seine Überlieferungskette ist schwach. Abu Dawud überliefert ihn auch von dem Nachfolger (Tābiʿī) Muḥārib ibn Dithār, der ihn direkt auf den Propheten ﷺ zurückführt, ohne einen Gefährten zu nennen (Sunan Abi Dawud 2177), und die großen Hadithkritiker hielten diese unvollständige Fassung (mursal) für die ursprüngliche. Abu Hatim al-Razi sagte das in seinem ʿIlal, al-Daraqutni urteilte: „Die Mursal-Fassung ist wahrscheinlicher“, al-Bayhaqi bezweifelte, dass die verbundene Fassung zuverlässig bewahrt wurde, und al-Albani stufte den Hadith als schwach ein.

Was die Tradition tatsächlich lehrt, ist, dass eine Scheidung niemals leichtfertig oder grausam geschehen darf. Die Juristen fassten das in die fünf Kategorien des Rechts. Ibn Qudama (gest. 1223) erklärte in al-Mughnī, dass eine Scheidung je nach den Umständen verpflichtend, empfohlen, erlaubt, verpönt (makruh) oder verboten sein kann. Eine Scheidung, die wegen einer Nichtigkeit im Zorn ausgesprochen wird, ist verpönt; eine Scheidung, die einen Menschen aus einer Ehe befreit, die ihm schadet, ist gut. Das Urteil folgt dem Wohl der Menschen, um die es geht.

Darf eine Frau die Scheidung verlangen?

Ja, und zwar auf mehreren Wegen, die die Rechtsschulen entwickelt haben. Eine Frau kann die khulʿ beantragen, wie es die Frau von Thābit tat. Sie kann einen Richter bitten, die Ehe wegen Schädigung (ḍarar) aufzulösen; vor allem die malikitische Rechtsschule gab den Richtern dafür weitreichende Befugnisse, und dem Verfahren liegt der Aufruf des Korans zugrunde, Schlichter aus beiden Familien zu bestellen (4:35). Sie kann außerdem ein ihr übertragenes Scheidungsrecht (ʿiṣma oder tafwīḍ) besitzen, das in ihrem Ehevertrag festgehalten ist. Die Einzelheiten erklärt die Antwort Darf sich eine Muslimin von ihrem Mann scheiden lassen?

Wenn in einer Ehe Gewalt oder Drohungen im Spiel sind, geht die Sicherheit der Frau vor. Rufen Sie im Notfall die Polizei unter 110; in Deutschland ist das Hilfetelefon „Gewalt gegen Frauen“ rund um die Uhr kostenlos unter 116 016 erreichbar. Mehr dazu in Was sagt der Islam über häusliche Gewalt?

Wie trennt man sich als Muslim in Würde?

  • Suchen Sie zuerst die Versöhnung, wenn es sicher ist. Der Koran bittet beide Familien, je einen Schlichter zu bestellen, und verspricht: „Wenn die beiden eine Aussöhnung wollen, wird Allah Eintracht zwischen ihnen stiften“ (4:35).
  • Sprechen Sie die Scheidung nur einmal aus. Die zweistufige Scheidung des Korans lässt Zeit zum Nachdenken. Zur Zeit des Propheten ﷺ und Abu Bakrs galten drei auf einmal ausgesprochene Scheidungen als eine einzige (Sahih Muslim 1472a), und viele Juristen, unter ihnen Ibn Taymiyya, vertraten dieselbe Ansicht (Ist die dreifache Scheidung gültig?auf Englisch).
  • Achten Sie die finanziellen Rechte. Die Frau behält ihre Brautgabe (Was ist die Brautgabe (Mahr)?) und erhält während ihrer Wartezeit Unterhalt, und der Koran bittet um eine Abschiedsgabe „in Güte“ (2:241).
  • Schützen Sie die Kinder. „Keiner Mutter soll um ihres Kindes willen Schaden zugefügt werden und keinem Vater um seines Kindes willen“ (2:233). Kinder brauchen Vater und Mutter, und Eltern sollen voneinander mit Achtung sprechen.
  • Bewahren Sie die Großzügigkeit. „Vergesst nicht die Güte untereinander“ (2:237).

Ein neuer Anfang

Eine Scheidung fühlt sich oft wie ein Scheitern an. Im Koran ist sie eine Tür, die Allah aus Barmherzigkeit geöffnet hat, und auf der anderen Seite wartet Seine Zusage, für Sie zu sorgen. Die Sure al-Ṭalāq, die Sure der Scheidung, sagt den Gläubigen: „Wer Allahs eingedenk ist, dem schafft Er einen Ausweg und versorgt ihn, woher er es nicht erwartet“ (Koran 65:2–3). Möge Allah jedes Herz heilen, das durch eine Scheidung gegangen ist, und jedem Ruhe, Versorgung und neue Liebe schenken.

Und Allah weiß es am besten. والله أعلم

Häufige Fragen

Ist Scheidung im Ramadan haram?

Nein. Der Koran legt für die Scheidung keine bestimmte Zeit fest, und eine Ehe kann im Ramadan enden wie in jedem anderen Monat. Die wichtigste zeitliche Regel der Sunna lautet, dass ein Ehemann die Scheidung nicht aussprechen soll, während seine Frau ihre Periode hat.

Ist „Das verhassteste Erlaubte bei Allah ist die Scheidung“ ein echter Hadith?

Er steht in Sunan Abi Dawud (2178), doch führende Hadithkritiker, darunter Abu Hatim al-Razi und al-Daraqutni, hielten die verbundene Kette für fehlerhaft und den Bericht für mursal, und al-Albani stufte ihn als schwach ein.

Darf eine Frau im Islam die Scheidung verlangen?

Ja. Sie kann eine khulʿ beantragen, ein Gericht bitten, die Ehe wegen Schädigung aufzulösen, oder ein Scheidungsrecht besitzen, das ihr im Ehevertrag übertragen wurde. Diese Wege erklärt eine eigene Antwort.

Ist es eine Sünde, nach einer Scheidung wieder zu heiraten?

Nein. Die Gefährten, Männer wie Frauen, heirateten nach einer Scheidung wieder, ohne dass ein Makel an ihnen haftete, und der Prophet ﷺ selbst heiratete Zaynab bint Jahsh nach ihrer Scheidung.

Verwandte Fragen

Quellen

  1. Sahih al-Bukhari 5273 (die khulʿ der Frau von Thābit ibn Qays)
  2. Sunan Abi Dawud 2177–2178 (der Bericht vom „verhasstesten Erlaubten“)
  3. Ibn Abi Hatim, ʿIlal al-Ḥadīth; al-Daraqutni, al-ʿIlal; al-Albani, Irwāʾ al-Ghalīl 2040
  4. Ibn Qudama, al-Mughnī, Buch der Scheidung
  5. Kecia Ali, Marriage and Slavery in Early Islam (Harvard University Press, 2010)

Bild: Bernard Gagnon, Interior of the Tabatabaei House, Kashan, 2016. CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons.. Bildnachweise