Was sind Dschinn?
Frage 1041
Frage
Was sind Dschinn im Islam, können sie Menschen schaden, und sollten Muslime Angst vor ihnen haben?
Zusammenfassung der Antwort
Dschinn sind Wesen, die Allah aus rauchlosem Feuer erschaffen hat (55:15). Sie sind dem menschlichen Blick verborgen und wie die Menschen für ihre Entscheidungen verantwortlich: Manche von ihnen glauben, manche nicht (72:11). Der Koran beschränkt die Macht der Bösen unter ihnen auf das Einflüstern (14:22). Über Besessenheit waren die Gelehrten uneins, und rationalistische Deutungen reichen bis zur Muʿtazila, zu al-Jahiz und zum Tafsīr al-Manār zurück. Ein Gläubiger begegnet dem Verborgenen mit Vertrauen auf Allah.
﴿وَخَلَقَ ٱلۡجَآنَّ مِن مَّارِجٖ مِّن نَّارٖ﴾
Und Er erschuf die Dschinn aus einer rauchlosen Feuerflamme.
Antwort
الحمد لله Alles Lob gebührt Allah.

Was sind Dschinn? Im Islam sind die Dschinn Geschöpfe Allahs, aus Feuer erschaffen, menschlichen Augen verborgen und wie die Menschen mit freiem Willen begabt. Der Glaube an sie gehört zum Glauben an das Verborgene (al-ghayb), den der Koran gleich in seinen ersten Versen rühmt (2:3). Der Koran spricht ruhig und knapp von den Dschinn, als von Mitgeschöpfen, die ebenfalls beten, zuhören, sich entscheiden und Allah Rechenschaft schulden. Nichts im Koran verlangt von einem Gläubigen, in Furcht vor ihnen zu leben.
Was sagt der Koran über die Dschinn?
Die Sure al-Raḥmān stellt die Erschaffung der Dschinn neben die Erschaffung des Menschen:
خَلَقَ ٱلۡإِنسَٰنَ مِن صَلۡصَٰلٖ كَٱلۡفَخَّارِ وَخَلَقَ ٱلۡجَآنَّ مِن مَّارِجٖ مِّن نَّارٖ
„Er erschuf den Menschen aus trockenem Ton wie Töpferware, und Er erschuf die Dschinn aus einer rauchlosen Feuerflamme.“
Das Wort Dschinn kommt von der arabischen Wurzel j-n-n, „verborgen sein“. Aus derselben Wurzel stammen janna (ein Garten, den seine Bäume verbergen), janīn (das Kind, das im Mutterleib verborgen ist) und junūn (ein Verstand, der verhüllt ist: der Wahnsinn). Schon ihrem Namen nach sind die Dschinn die Verborgenen. Der Koran sagt, dass sie vor den Menschen erschaffen wurden, „aus dem Feuer eines glühenden Windes“ (15:27), und der Prophet ﷺ sagte, die Engel seien aus Licht erschaffen worden, die Dschinn aus einer Feuerflamme und Adam aus dem, was der Koran beschreibt (Sahih Muslim 2996).
Iblis, der sich weigerte, sich vor Adam niederzuwerfen, „gehörte zu den Dschinn“ (18:50). Der Satan ist ein einzelner Dschinn, der sich für die Auflehnung entschieden hat. Er steht nicht für alle anderen.
Haben Dschinn einen freien Willen?
Im ganzen Koran werden die Dschinn zusammen mit den Menschen angesprochen. „Ich habe die Dschinn und die Menschen nur dazu erschaffen, dass sie Mir dienen“ (51:56): Diesem Vers geht die Antwort Warum hat Allah uns erschaffen? nach. Die Sure al-Raḥmān wendet sich mit ihrem Kehrvers an beide: „Welche der Wohltaten eures Herrn wollt ihr beide denn leugnen?“ Zu beiden kamen Gesandte (6:130).
Eine ganze Sure trägt ihren Namen. Die Sure al-Jinn erzählt von einer Schar Dschinn, die den Propheten ﷺ rezitieren hörten und sagten: „Wir haben einen wunderbaren Koran gehört“ (72:1). Offen beschreiben sie ihre eigene Gemeinschaft:
وَأَنَّا مِنَّا ٱلصَّـٰلِحُونَ وَمِنَّا دُونَ ذَٰلِكَۖ كُنَّا طَرَآئِقَ قِدَدٗا
„Unter uns gibt es Rechtschaffene, und unter uns gibt es andere. Wir sind verschiedene Wege gegangen.“
In Sahih Muslim erzählt ʿAbdullah ibn Masʿūd von einer Nacht, in der der Prophet ﷺ hinausging, um den Dschinn den Koran vorzutragen. Danach sagte er seinen Gefährten, sie sollten sich nicht mit Knochen reinigen, „denn sie sind die Speise eurer Brüder“ (Sahih Muslim 450a). Brüder: So sprach der Prophet ﷺ von den gläubigen Dschinn.
Können Dschinn Menschen schaden oder von ihnen Besitz ergreifen?
Der Koran setzt der Macht böser Dschinn klare Grenzen. Am Tag des Gerichts wird der Satan selbst zu denen, die ihm gefolgt sind, sagen:
وَمَا كَانَ لِيَ عَلَيۡكُم مِّن سُلۡطَٰنٍ إِلَّآ أَن دَعَوۡتُكُمۡ فَٱسۡتَجَبۡتُمۡ لِي
„Ich hatte keine Macht über euch, außer dass ich euch rief und ihr mir gefolgt seid.“
„Die List des Satans ist wahrlich schwach“ (Koran 4:76), und Allah sagt zu ihm: „Über Meine Diener hast du keine Macht“ (15:42). Die Sure al-Nās beschreibt die Bösen unter den Dschinn und den Menschen als Einflüsterer (114:4–6). Ihr Werk ist die Einflüsterung, und jeder Mensch ist frei, sie zurückzuweisen.
Ob Dschinn in einen menschlichen Körper eindringen können, darüber waren die Gelehrten uneins. Ibn Taymiyya (gest. 1328) hielt es für möglich. In derselben Abhandlung berichtet er, dass eine Gruppe der Muʿtazila, unter ihnen Abu ʿAli al-Jubbāʾī (gest. 915), es bestritt. Der muʿtazilitische Koranausleger al-Zamakhsharī (gest. 1144) nannte in al-Kashshāf, bei der Erklärung von 2:275, die Vorstellung, der Satan schlage einen Menschen in einem Anfall zu Boden, eine der Behauptungen der Araber selbst.
Welcher Ansicht man auch folgt, das Gebot der Scharia, für den Menschen zu sorgen, hat Vorrang. Der Prophet ﷺ sagte: „Man darf weder Schaden zufügen noch Schaden mit Schaden vergelten“ (Sunan Ibn Majah 2341, von al-Albani als sahih eingestuft). Krampfanfälle, Stimmen, tiefe Traurigkeit und plötzliche Veränderungen im Verhalten gehören in ärztliche Hände, und eine Behandlung zu suchen ist selbst eine Sunna. Jeder „Exorzismus“, bei dem ein Mensch geschlagen, verbrannt, ausgehungert, gewürgt oder gefesselt wird, ist haram. Mehr über seelische Erkrankungen und den Glauben lesen Sie in Ist Depression ein Zeichen von schwachem Iman?auf Englisch
Sind Dschinn real oder ein Sinnbild?
Die meisten Gelehrten, Sunniten wie Schiiten, halten die Dschinn für wirkliche Wesen mit eigener Existenz. Daneben sind muslimische Denker seit jeher vorsichtig mit Geschichten über Dschinn umgegangen. Der große Schriftsteller al-Jahiz aus Basra (gest. 868) sprach in seinem Buch der Tiere (Kitāb al-Ḥayawān) über die Erzählungen der Beduinen von Ghulen und Dschinn und bemerkte: Wenn ein Mensch einsam ist und sich fürchtet, nehmen kleine Dinge die Gestalt großer an, und der Geist wird argwöhnisch und zerstreut.
In der Neuzeit erwog der Tafsīr al-Manār, der Korankommentar, den Muhammad Abduh (gest. 1905) begann und Rashid Rida vollendete, dass das Wort Dschinn, „die Verborgenen“, auch die unsichtbaren Lebewesen umfassen könne, die man unter dem Mikroskop entdeckt hat: die Mikroben, die Krankheiten auslösen. Rida hält außerdem fest, dass manche Gelehrte die Teufel als innere Kräfte verstanden, die einen Menschen zum Unrecht treiben. Diese Deutungen zeigen, wie viel Raum die Tradition dem Nachdenken lässt; mehr dazu in Wie sollte man den Koran auslegen? Das Wesentliche sagt uns der Koran: Die Dschinn existieren, Allah hat sie erschaffen, sie tragen Verantwortung für ihr Tun, und sie haben keine Macht über ein Herz, das sich Allah zuwendet.
Wie schützen sich Muslime vor Dschinn?
Der Schutz, den die Sunna lehrt, ist einfach und schön. Aisha (möge Allah Wohlgefallen an ihr haben) beschrieb, was der Prophet ﷺ jede Nacht tat:
«جَمَعَ كَفَّيْهِ ثُمَّ نَفَثَ فِيهِمَا فَقَرَأَ فِيهِمَا {قُلْ هُوَ اللَّهُ أَحَدٌ} وَ{قُلْ أَعُوذُ بِرَبِّ الْفَلَقِ} وَ{قُلْ أَعُوذُ بِرَبِّ النَّاسِ} ثُمَّ يَمْسَحُ بِهِمَا مَا اسْتَطَاعَ مِنْ جَسَدِهِ»
„Er legte seine Handflächen zusammen, hauchte hinein und rezitierte darüber: Sprich: Er ist Allah, der Eine, und: Sprich: Ich nehme Zuflucht beim Herrn des Morgengrauens, und: Sprich: Ich nehme Zuflucht beim Herrn der Menschen. Dann strich er damit über seinen Körper, so weit er reichen konnte.“
Muslime sprechen vor dem Schlafen außerdem den Thronvers (Āyat al-Kursī, 2:255), beginnen ihr Tun mit dem Namen Allahs und halten an ihrem Gebet fest. Für nichts davon braucht man einen Spezialisten, und nichts davon kostet Geld.
Ein Wort zum Schluss
Die verborgene Welt reicht weiter als unsere Augen, und jeder Teil von ihr gehört Allah, von dem die Antwort Wer ist Allah? erzählt. Die Dschinn, die den Koran hörten, wurden von ihm bewegt wie wir, und die Einflüsterer haben keinen Halt an einem Herzen, das seines Herrn gedenkt. Schlafen Sie in Frieden, und sprechen Sie jede Nacht mit dem Propheten ﷺ:
قُلۡ أَعُوذُ بِرَبِّ ٱلۡفَلَقِ
„Sprich: Ich nehme Zuflucht beim Herrn des Morgengrauens.“
Und Allah weiß es am besten. والله أعلم
Häufige Fragen
Können Dschinn von Menschen Besitz ergreifen?
Darüber waren die Gelehrten uneins. Ibn Taymiyya hielt es für möglich, und er berichtet selbst, dass eine Gruppe der Muʿtazila, etwa al-Jubbāʾī, es bestritt. Der Koran beschreibt die Macht des Satans allein als Rufen und Einflüstern (14:22), und wer seelisch oder körperlich leidet, sollte zuerst ärztlichen Rat suchen.
Sind Dschinn böse?
Nicht mehr als Menschen. Die Dschinn in der Sure al-Jinn sagen: „Unter uns gibt es Rechtschaffene, und unter uns gibt es andere“ (72:11). Iblis gehörte zu den Dschinn (18:50), und viele Dschinn glaubten an den Propheten ﷺ, als sie den Koran hörten.
Können Dschinn uns sehen?
Der Koran sagt, dass der Satan und seinesgleichen die Menschen von dort aus sehen, wo die Menschen sie nicht sehen (7:27). Derselbe Koran sagt, dass seine List schwach ist (4:76) und dass er keine Macht über Allahs Diener hat (15:42).
Wie schütze ich mich vor Dschinn?
Der Prophet ﷺ rezitierte jede Nacht die Suren al-Ikhlāṣ, al-Falaq und al-Nās in seine hohlen Hände und strich damit über seinen Körper (Sahih al-Bukhari 5017). Das Gedenken Allahs, das Gebet und das Vertrauen auf Ihn sind Schutz genug.
Verwandte Fragen
Quellen
- Ibn Taymiyya, Īḍāḥ al-Dalāla fī ʿUmūm al-Risāla lil-Thaqalayn, in: Majmūʿ al-Fatāwā, Bd. 19
- al-Jahiz, Kitāb al-Ḥayawān (Das Buch der Tiere)
- Muhammad Abduh und Rashid Rida, Tafsīr al-Manār
- al-Zamakhsharī, al-Kashshāf (zu 2:275)
- Sahih Muslim 450a (die Nacht der Dschinn)
- Sahih Muslim 2996 (Engel aus Licht, Dschinn aus Feuer)
- Sahih al-Bukhari 5017 (die drei Schutzsuren)
Bild: Muhammad Zaman al-Munajjim al-Asturlabi, Planispheric astrolabe, Mashhad, 1654–1655. Metropolitan Museum of Art, New York. CC0, via Wikimedia Commons.. Bildnachweise